MEINE GESCHICHTE

Bipolare Achterbahn im Studium

Mein bipolare Störung begann mit ersten offensichtlichen Symptomen in meinem Studium – wie für einige andere auch. In dem Auf und Ab hatte ich stark mit Zukunftstängsten zu kämpfen: Bin ich fähig, das Studium zu Ende zu bringen? Kann ich später überhaupt als Arzt arbeiten oder machen meine Schwankungen dies unmöglich? 



Beginn meiner Erkrankung im Studium

Mein Studium begann gleich mit meiner ersten Depression während Anatomie. Die Diagnose: Anpassungsstörung. Das war sicher auch mich ganz falsch, da mich die neue Situation ohne alte Freunde, Familie, aber mit Herausforderung im Studium und sich „selbst versorgen“ überforderte. Für mich war es zugleich ein schweres Identitätsproblem. Wer bin ich eigentlich – der Spaßvogel der Ersti-Woche oder der verschüchterte Junge, dem schnell alles zu viel wird. Und wo gehöre ich dazu – wenn sich überhaupt jemand für mich interessiert.

Ich bin ein Kämpfer. Obwohl ich die negativen Gefühle der Depression stark mit dem Studium assoziiert hatte, gab es für mich ein so frühes Aufgeben nicht.


Anfang des Frühjahrs kletterte meine Stimmung. Ich trennte mich von meiner Freundin, um kurz darauf eine neue Beziehung einzugehen. Plötzlich wurden meine Studienergebnisse ebenfalls besser und das ohne großen Aufwand. Medizin machte mir Spaß, aber ich fühlte, dass ich diesen Moment des Glücks genießen musste. Es war wie der Sommer meines Lebens beflügelt dadurch meine große Liebe gefunden zu haben. Ich war sehr dankbar nach den suizidalen Gedanken im Winter nun noch einmal neu geboren zu sein.


Im folgenden Herbst und Winter wiederholte sich das Spiel – ausgelöst unter anderem durch die Verschlechterung des Gesundheitszustandes meiner Mutter, welche den Alkohol dafür nutzte, um vor ihren depressiven Gefühlen zu flüchten. Gleichzeitig war sie aber uneinsichtig, sich helfen zu lassen. Dadurch machte ich mir einerseits um Sie Sorgen, aber auch um mich selbst. Ich kam in einigen Dingen nach Ihr und ich sah ihr Schicksal als meine selbsterfüllende Prophezeiung.



Selbstzweifel und Zukunftsängste

Jetzt wurden auch die Anzeichen und mein Gefühl, unzureichend für dieses Studiums zu sein, immer klarer. Ich versuchte mit aller Macht dagegen anzulernen. Aber das Problem waren mehr die sozialen Fähigkeiten, die mir zu fehlen schienen. Klar, ich war mit einer Mutter mit schweren sozialen Ängsten aufgewachsen - klassisches Modelllernen.  Und meine depressive Stimmung macht das nicht besser. Wie sollte ich bei dieser erlernten Hilflosigkeit jemals mit Menschen klar kommen und Ihnen Sicherheit in der Arzt-Beziehung geben. Eine Krankenschwester in meinem Pflegepraktikum hielt mir meine Ängste vor Augen. Sie fuhr mich an, dass ich einer „dieser Medizinstudenten sei die zwar gute Noten haben, aber kein bisschen mit Menschen können“. 


Daraufhin stand für mich die erste große Hürde mit dem Physikum an, was mir Angst bereitete. Schließlich würde ich mich kaum an die Inhalte aus den depressiven Phasen erinnern. Umso mehr erstaunte es mich dann, wie ich dann beim Kreuzen in der Vorbereitung Fortschritte machte. Am Ende erreichte ich sogar die Note „sehr gut“ im schriftlichen Physikum. Das war für mich eine wichtige Versicherung, dass ich nicht zu dumm für Medizin an sich war.



Suche nach Auswegen für meine Zukunft

Das gab mir jedoch nur kurzfristig Sicherheit. Kurz darauf starb meine Mutter an einem Treppensturz vermutlich unter den Einfluss von Alkohol. Das war der Schlusspunkt einer jahrelangen Geschichte ihrer komplexen psychischen Erkrankungen. Dadurch stürzte ich selbst in eine lange und schwere Depression. 

Als ich nach einem halben Jahr langsam unter ambulanter Therapie Fortschritte machte, stellte ich mich näher der Frage nach meiner Zukunft. Mir war recht klar, dass ich für die meisten ärztlichen Facharztgebiete mit viel sozialer Interaktion nicht in Frage kam. Dafür war ich zu schwankend, langsam und unsicher. Also versuchte ich mich in den Themenfelder, die mit weniger Arzt-Patienten-Beziehung auskamen. Ich fing als OP-Assistent in der Orthopädie an und stand am Tisch bei Knie-TEPs. Das lange Stehen am OP-Tisch im rauhen OP-Klima hielt ich mit meiner sensiblen Art schwer aus.


Es blieb noch die Radiologie. Hier machte mir aber die Dunkelheit zu schaffen und ich konnte meine Augen nur schwer offen halten bei dem Nebel, die ich ohnehin schon in meinem subdepressiven Kopf hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Selbstwertgefühl verloren und war nicht mehr verzweifelt, sondern hoffnungslos über meine Zukunft. Nach den langen Monaten der Niedergeschlagenheit war die Depression meine Identität geworden. Ich war nicht zum ersten Mal mit Antidepressiva behandelt worden, aber sie wirkten immer langsamer und weniger. 



Doktorarbeit als Beschleuniger meiner Erkrankung

Ohne zu weit nach vorne zu denken, begann ich trotzdem meine Doktorarbeit in der Neuroradiologie. Die Alternative, das Studium abzubrechen, konnte ich meiner Familie und Freundin nicht antun, die an mich glaubten. Vielleicht war ich als Wissenschaftler fähig in einem vertrauten Umfeld im Labor zu arbeiten. Nach der anfänglichen Überforderung half mir die praktische Arbeit weniger Zeit in meinem Kopf zu verbringen. Außerdem konnte ich endlich greifbare Ergebnisse sehen. Zum ersten Mal in meiner Studiumszeit fühlte ich mich selbstwirksam. Schön war es auch mit Leidensgenossen im Team zu arbeiten. 


„Ohne Schutz nach oben“ schlief ich immer weniger und fühlte mich gut dabei. Endlich die Unproduktivität der letzten Monate wieder gut machen. Genauso war ich geselliger geworden und sehnte mich nach Spaß in der „Unteren“ in Heidelberg, der Straße mit den Bars. Im Labor wurde ich hingegen immer gereizter. Ich konnte in Team meetings nicht still sitzen und das Versuchsexperimente waren mir zu eintönig geworden. Ich konnte mich nicht auf die repetitiven Aufgaben konzentrieren und machte Fehler, welche eine ganze Versuchsreihe unnütz machte. Als sich die Ereignisse auch privat überschlugen und meine langjährige Beziehung in die Brüche ging, verlor ich mich im emotionalem Rausch. Das machte das angesehene Labor im Deutschen Krebsforschungszentrum nicht lange mit und setzt mich ohne viele Worte vor die Tür.


Redselig wie ich war, konnte ich meinen Supervisor überreden, die Arbeit außerhalb des Labors im Kleinen zu Ende zu bringen. In der Manie stürzte ich mich in mehrere andere Projekte, die hoffentlich endlich meine Suche nach Sinn, Aufregung und Spaß befriedigt. Ich engagierte mich in sozialen Organisationen, Politik und startete unternehmerische Ideen mit Freunden. Die Stimulation trieb meine Manie weiter, die mir selbst natürlich als meine wahre Natur vorkam. Alles war voller Möglichkeiten.


Dies änderte sich schlagartig, als ich meine Doktorarbeit schreiben sollte. Aufgrund der Eintönigkeit landete ich wieder in meiner altbekannten Depression – diesmal aber schwerer als je zuvor. Mit schwerer Scham blickte ich auf meine Taten und Aussagen aus der Zeit meiner Hochstimmung zurück. Dass ich ein bipolare Störung haben könnte, lag mir schon nahe. Aber was macht es für einen Unterschied? Mir würde keine Behandlung dauerhaft helfen können. 


Hoffnungslos nach vielen Versuchen

Meine Zukunft als Arzt hatte ich abgehakt. Ich wusste die Depressionen würden vorüber gehen, aber dann wiederkommen. Psychotherapie und Antidepressiva konnten das nicht ändern. Mit diesen Schwankungen war es mir unmöglich vorstellbar, einen Platz in der Medizin zu finden. Deswegen ging ich schließlich den Gang zum Arbeitsamt, um mich nach Alternativen umzusehen. Mir selbst fielen keine mehr ein nach weiteren Praktika in  der Neurologie-Reha, Dermatologie, Augenheilkunde und Psychosomatik.



Neues Leben mit der Diagnose

Kurze Zeit später ergab ich mich endlich einem stationären Aufenthalt in der Psychiatrie. In meinem Gedankenkonstrukten hatte ich einen stationären Aufenthalt mit Ende auf die Chance auf ein „normales“, „freies“ Lebens und den Verlust meiner Freundschaften gleichgesetzt. Ich packte meine letzten Mut zusammen und weihte meine besten Freunde in meine psychischen Probleme und meinen nächsten Schritt näher ein. Mit ihrer Unterstützung ging ich in meiner auswegslosen Situation diesen schambehafteten Schritt. 


In der Psychiatrie änderte sich innerhalb von wenigen Wochen alles. Ich erhielte meine Diagnose, Lithium und eine Gruppe, bei der mich öffnen konnte und meine psychische Erkrankung zu akzeptieren begann. Es war ein Ende des Versteckspielens vor der ganzen Welt. 


Wie neugeboren fühlte ich mich danach und bereit neue Pläne über mein Studium und meine Karriere zu anzustreben. Das wohin im Leben beschäftigte mich nun am meisten. Nun hatte ich ein starkes, inneres Vertrauen, das meine psychische Stabilität auch anhalten würde. So räumte ich als erstes das 2. Staatsexamen aus dem Weg und freute mich auf das praktische Jahr, um mit meinem wirklichen „Ich“ den Arztberuf neu für mich zu entdecken.


Ich lernte, dass ich prinzipiell die ärztliche Fähigkeiten mitbringe und mir in der Inneren Kardiologie Spaß machte, vor allem in einem lockeren, aber auch lernbegierigen Team. Mein Chirurgie-Tertial in Australien war ein bereicherndes Erlebnis und ein Lebenstraum, in einem englischsprachigen Land zu arbeiten. 


Im letzten Moment – kurz vor Beginn – tauschte ich mein Wahltertial von Augenheilkunde zu Psychiatrie. Das große Interesse war aufgrund von meiner Lebensgeschichte für das Fach natürlich gegeben. Aber ich hatte es mir bisher nicht zugetraut, die Stabilität zu besitzen, um Patienten Halt zu geben und ihnen zu helfen. Nach einem stabilen Jahr sah ich mich nun im Stande, diesen Versuch zu wagen.


Wie es der Zufall so wollte, wurde ich auf die Station für affektive Störungen der Psychiatrie Heidelberg eingeteilt – genau dort, wo ich ein Jahr zuvor noch selbst als Patient war. Nichtsdestotrotz wurde es die interessanteste Zeit meines Studiums und es schien klar, dass ich nach dem Examen dort anfangen würde. 



Approbation – was nun?

Nach bestandenen Examen war ich ruhig genug, um über meinen weiteren Lebensweg zu näher zu reflektieren. Wie würde ich denn mit den Nachschichten umgehen, die auf mich zukommen werden? Ich wusste zwar, dass man sich davon befreien lassen kann. Aber werde ich dann an dem Haus genommen, an das ich möchte? Wie reagieren die Kollegen darauf, wenn ich mich dieser Teamaufgabe entziehe. Ich habe eh schon eine flapsigere Art, was sich hier und da mit den sensiblen TherapeutInnen gerieben hat. 


Außerdem hatte ich jetzt nochmal alle Möglichkeiten herausfinden, was ich wirklich will. So ließ mich ein Erfahrung aus meinem Studium nicht locker: Mit Freunden hatte ich mich zusammengesetzt, digital health Ideen diskutiert und erste Prototypen erstellt. Ich war sicherlich hypomanisch in dieser Zeit. Trotzdem fühlte sich die Leidenschaft, in einem eng zusammen arbeitenden Team, kreative Ideen zu entwickeln und umzusetzen, real an. Am besten wäre es, ich könnte meine Interesse für Psychiatrie und digital health unter einen Hut bringen. Vor allem wollte ich die Prävention und Früherkennung unterstützen, die mir im jetzigen Gesundheitssystem zu kurz kam und die meine eigene Lebensgeschichte stark beeinflusst haben.


Über Umwege landete ich schließlich bei Mindpax, einem digital health Startup für die Früherkennung und Monitoring von psychischen Erkrankungen, insbesondere bipolare Störung. Als tschechisch-deutsches Startup konnte ich hier auch meinem Wunsch nach internationalem Austausch auf englisch nachgehen. 


Mein Weg ist sicher nicht der typische als Mediziner. Deswegen kann ich einige wichtige Fragen für angehende Ärzte, nicht aus meiner eigenen Erfahrung beantworten. Trotzdem kann es auch ein Weg für bipolare Heilberufler sein, seine medizinische Kenntnisse für die innovative Gestaltung des Gesundheitssystem zu nutzen. Ich kann hier auch Eigenschaften einbringen, die ich mit meiner bipolaren Erkrankung in Zusammenhang bringe: Kreativität, out-of-the-box thinking oder mit Ungewissheit umgehen. Zudem sind keine Nachtschichten gefragt und ich kann mir den Tag flexibel mit kurzen Pausen gestalten.


Mir hat dieses Jahr die Sicherheit gebracht, dass ich zuverlässig in einem professionellem Umfeld arbeiten kann. Ich habe die Überzeugung gewonnen, dass ich meine Arbeitsbedingungen beeinflussen kann – auch als Arzt im Krankenhaus.

 

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